Der niedliche Kulleraugenstil ist zum Inbegriff des modernen Anime geworden. | © Kyoto Animation, Lantis, Pony Canyon

Moe (was wörtlich so viel bedeutet wie »Sprießen«) ist aus modernen Anime praktisch nicht mehr wegzudenken. Doch wofür steht das knuffige Genre und wie ist es entstanden? Wir verraten es euch!

In fast jeder Serie sieht man sie – niedliche Mädchen unterschiedlichster Archetypen, die mit Kulleraugen und naiver Unschuld die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern. Natürlich gibt es auch eine ganze Palette an Anime, die auf eben diesen »Kulleraugen-Faktor« aufbauen und die Niedlichkeit der Charaktere in den Fokus rücken.

Doch dabei wird stets eine Grundregel befolgt – trotz ihrer Niedlichkeit werden die Charaktere niemals in einen sexuellen Kontext gesetzt.


Wie ist Moe entstanden?

Als die Industrie in den 70ern bemerkte, dass eben jene Anime besonders erfolgreich waren, die hübsche Mädchen in den Mittelpunkt der Handlung stellten, wurde dieses Konzept unternehmerisch ausgebaut.

Anime wie Mobile Suit Gundam oder Macross versuchten, mit niedlichen Charakteren eine breite (männliche) Zuschauerschaft für sich zu gewinnen und entwickelten sich zu regelrechten Klassikern.

In den 80ern wurde der Trend weitergeführt, bis schließlich Kimagure Orange Road über die japanischen Bildschirme flimmerte, der als der Vorläufer des heutigen Moe-Anime gilt:

Niedliche Mädchen, Liebe und ein unschuldiges Schulsetting prägten das Bild der Komödie von dem späteren Naruto-Studio Pierrot und sollten zu den Grundpfeilern des modernen Animebegriffs werden.

Kimagure Orange Road war der Vorläufer des modernen Moe-Anime. | © Pierrot, Shueisha, TOHO

Es entwickelte sich die Waifu-Kultur, das Vergöttern eines besonders attraktiven weiblichen Charakters. Diese Fan-Liebe bemerkend, versuchte die Industrie, den Kult um die Mädchen auf die Spitze zu treiben: von den Synchronsprechern gesungene Character Songs, Figuren, Wallscrolls und die Dakimakuras – Umarmungskissen mit einem Motiv der als »Ehefrau« bezeichneten Damen.

Die Moe-Boom war kaum noch aufzuhalten. Mitte der Zweitausender prägte das heute weltbekannte Studio Kyoto Animation die Bewegung nachhaltig.

Serien wie Die Melancholie der Haruhi Suzumiya, Lucky Star, K-On oder Clannad sind heute noch in aller Munde und entwickelten das typische Motiv des unschuldigen Mädchens mit Kulleraugen und kleinem Mund.

K-On Band
Jeder kennt sie, jeder liebt sie – Die fröhlichen Bandmitglieder aus K-On! gehören zu den erfolgreichsten Animecharakteren aller Zeiten. | © かきふらい・芳文社/桜高軽音部

Dieses findet sich auch heute noch wieder, doch hat sich auch die Moe-Kultur in den letzten Jahren immer mehr entwickelt und setzt zunehmend auf abstraktere Formen.

Während die Popsternchen aus Love Live internationale Erfolge feiern, sind es insbesondere Katzenmädchen wie in Nekopara, Pferdemädchen wie in Uma Musume oder sogar eine ganze Truppe aus Schlangen- Kuh- und Spinnenmädchen wie in »Die Monster Mädchen«, die aktuell die Herzen der Animefans begeistern.

Trotz des niedlichen Stils zeichnet Madoka Magica ein düsteres Weltbild. | © Magica Quartet / Aniplex・Madoka Partners・MBS

Ein weitere Trend ist die Dekonstruktion des niedlichen Genres. Serien wie Madoka Magica oder Made in Abyss führen die knuffigen Charaktere in eine blutige und verstörende Welt, um durch diesen Kontrast eine härtere und brutalere Atmosphäre hervorzurufen – und das mit Erfolg.

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Was zeichnet Moe aus?

Der Begriff Moe lässt sich insbesondere mit einem Wort zusammenfassen – Niedlichkeit. Dafür bedienen sich Moe-Schöpfer neben den mittlerweile zum Sinnbild für Anime gewordenen großen Augen, Stilmitteln wie rundliche Gesichter, kindliche Körperformen und Sprachticks.

Das kindliche Design geht teilweise sogar so weit, dass es die Grenzen des Realistischen hinter sich lässt und die oft jugendlichen Charaktere äußerlich gut zehn Jahre zurückwirft.

Große Augen, runde Gesichter – Der Moestil in seiner Reinform. | © 1995-2016, Tokyo Broadcasting System Television, Inc. All Rights Reserved.

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe an Accessoires, die dem klassischen Moe zugeordnet werden und die Mädchen niedlicher erscheinen lassen sollen, so etwa die Brille, Katzenohren oder Zwillingszöpfe. Um das Portfolio abzurunden, haben sich noch eine ganze Reihe an Charakter-Archetypen entwickelt, die ebenfalls ihre eigene Anhängerschaft haben:

Die blutrünstig-verliebte Yandere beispielsweise erlebte ihren Durchbruch mit der Figur Yuno Gasai aus dem Erfolgstitel Mirai Nikki, Neon Genesis Evangelion führte dagegen mit Rei Ayanami, einer Kuudere, den Typ des kühlen, zurückgezogenen Mädchens ein, der daraufhin zahlreich kopiert seinen Siegeszug antrat.

Doch trotz all dieser Bestandteile gilt stets eine wichtige Grundregel – nur gucken, nicht anfassen! Die Mädchen werden in den seltensten Fällen in einen eindeutig sexuellen Kontext gebracht und ihrer Unschuld entsprechend mit rein platonischen Gefühlen bedacht.

Moe ist im Grunde alles, was niedlich sein soll – und was Anime heutzutage ausmacht. Anime, die Moe in den Mittelpunkt rücken, wie etwa K-On oder Hidamari Sketch, erzählen meist unschuldige und komödiantische Alltagsgeschichten.


Moe = Anime (?)

Zwar ist der Kulleraugen-Stil der Inbegriff von Anime geworden, doch finden sich auch heute noch Werke, die eigene Wege gehen und auch ohne Moe beachtliche Welterfolge feiern.

Das Millionenfranchise Attack on Titan oder die Superhelden-Serie One Puch Man beispielsweise. Trotzdem hat Moe den modernen Anime beeinflusst wie kein anderes Stilmittel und ist damit eines der wichtigsten Bestandteile der japanischen Zeichentrickkultur.


Jetzt seid ihr gefragt!

Wie würden Anime heute aussehen, wenn es die Moe-Entwicklung nie gegeben hätte? Schreibt eure Meinung in die Kommentare!

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VashyuMarkus FischerGameWaveWolfgang8433 Letzte Kommentartoren
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Wolfgang8433
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Wolfgang8433

Ah, sehr interessant!
Ich dachte die Kulleraugen wären das Markenzeichen das einen Anime von einem Amerikanischen Zeichentrick unterscheidet….
Wieder was gelernt.

GameWave
Gast
GameWave

Mir fehlen die Niedlichen Männlichen Chars 🙁 wenn man auf kerle steht und nicht auf Frauen dann ist das echt sad 🙁

Markus Fischer
Gast
Markus Fischer

“Augen sind der Zugang zur Seele” das weiß man auch in Japan und wer genauer hinschaut wird merken, dass je verkommener die Seele einer Figur, desto kleiner sind die Augen und wenn Kinder älter werden, also der Kopf wächst, bleiben die Augen gleichgroß, d.h. im Verhältnis kleiner, da die Seele eines Erwachsenen nicht mehr so rein ist wie die eines Kindes. Also kann man mit einem Blick den Charakter einer Figur erkennen. Das haben die Japaner nicht aus Jux und Tollerei gemacht. Die sind so genial um diese Tiefgründigkeit geschickt und mit Absicht einzusetzen.

Vashyu
Gast
Vashyu

Als ich die ersten Animeerfahrungen gemacht habe, habe ich damals,in irgendeiner Zeitschrift glaube ich, gelesen, dass die Haare bunt und die Augen groß wären, weil viele Japaner/innen ein eher westliches Aussehen als attraktiver empfinden würden. Meint ihr da ist was dran oder war das eher Selbstüberschätzung 🤔