© 1999 Eiichiro Oda/Shueisha,Toei A

Breites Grinsen, harte Fäuste – mit diesen Stilmitteln gehören Anime- und Manga aus dem Bereich Shounen zu den erfolgreichsten fernöstlichen Werken überhaupt. Doch wie kamen die Elemente eines klassischen Shounen-Kloppers eigentlich zustande und lässt sich ein Werk überhaupt klar als Shounen einordnen?

Ganz klar – »Shounen« ist eines der ersten Worte, die dem noch unerfahrenen Anime-Fan auf seinem Weg in die Begeisterung für fernöstliche Zeichenkultur ans Ohr dringen – kein Wunder, denn schließlich verstehen sich die populärsten aller Werke und global erfolgreiche Franchises wie One Piece oder Fullmetal Alchemist als Shounen-Anime.

Dabei bedeutet der Begriff schlicht und ergreifend »Junge« und spricht damit wie auch sein weibliches Pendant Shoujo nicht für den Inhalt, sondern einfach nur für die angepeilte Zielgruppe der entsprechenden Serie, in diesem Fall Jungs und junge Männer im Alter von ca. 8 bis 18 Jahren. Darin enthalten können Werke mit typischen »Shounen-Elementen« wie Naruto und Black Clover, aber auch düsterere, komplexere Serien wie Attack on Titan oder The Promised Neverland sein.

Wir möchten uns einmal anschauen, was einen typischen Shounen-Anime ausmacht und welche Entwicklung Geschichten für Jungs im Laufe der Anime-Historie durchgemacht haben!


Wie sind Shounen-Geschichten entstanden?

© 田畠裕基/集英社・ブラッククローバー製作委員会

Aller Anfang ist Manga!

Die Geschichte der Shounen-Anime reicht, wie so oft, zurück zu dem Muttermerdium der fernöstlichen Zeichentrickserien – dem Manga. Nachdem sich die Bildergeschichten als Kunstform schon seit dem 18. Jahrhundert in der japanischen Medienlandschaft tummeln, entwickelt sich die Manga-Branche erst um 1900 herum zu einer ausgewachsenen Industrie, die bestrebt ist, Lesevergnügen für die unterschiedlichsten Zielgruppen zu liefern.

So erschien im Jahr 1905 die erste Ausgabe der Shounen Sekai, die gemeinhin als eines der ersten Shounen-Magazine die japanischen Läden unsicher machte und sich bereits auf Action- und Abenteuer-Themen fokussierte. Dennoch waren die damaligen Manga stilistisch ein ganzes Stück von den heute bekannten Reihen entfernt und es dauerte bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, bevor unser heißgeliebtes Medium allmählich seine heutige Form annahm.

Die Shounen Sekai war eines der ersten der heutigen Form ähnlichen Shounen-Magazinen – und griff bereits damals die klassischen Abenteuer-Motive auf.

Aufmerksamen Lesern sollte der Name »Osamu Tezuka« mittlerweile ein Begriff sein, denn auch im Shounen-Segment begegnen wir dem passionierten Zeichner wieder, der mit seiner Serie »Astroboy« den ersten Anlauf in Richtung moderner Shounen-Geschichten unternahm. So ging es in dem Werk und seiner 1963 veröffentlichten Anime-Adaption um Atom, einen Roboterjungen, der sich mit seinen übermenschlichen Kräften in rasanten Abenteuern finsteren Bedrohungen stellte.

Der Gamechanger – die Weekly Shounen Jump

Der sich nach Tezukas Erfolgen langsam abzeichnende Manga-Boom, mit dem auch das Interesse von Jungs an Shounen-Werken wuchs, sorgte 1968 für die Gründung des Magazins, das den Shounen-Markt bis heute fast im Alleingang definiert und dominiert: Die Weekly Shounen Jump des mittlerweile milliardenschweren Verlags Shueisha, spätere Heimat von Serien wie Naruto, One Piece oder Black Clover.

Durch den Einfluss amerikanischer Comic-Kultur begannen sich typische Abenteuergeschichten mit westlicher, brachialer Action zu vermischen und den Shounen-Manga einen neuen, gewalttätigeren Touch mitzugeben – Serien wie Fist of the North Star oder das bis heute andauernde Epos Jojo’s Bizarre Adventure handeln von kraftstrotzenden Muskelpaketen, die in kräftezehrenden Fights scharenweise Gegner auf die Bretter schicken.

Die Neu-Adaption von Jojo’s Bizarre Adventure ist eine Liebeserklärung an die ursprügnliche Shounen-Dynamik. | © 荒木飛呂彦/集英社・ジョジョの奇妙な冒険製作委員会

Doch zwischen den Einbänden der Jump und Konsorten war natürlich nicht alles blutig und brutal – denn neben explosiver Action boten die Shounen-Magazine Hand in Hand mit dem Moe-Boom auch zuckersüße Schulromanzen  voller süßer Mädchen wie Kimagure Orange Road, aus denen sich mit der Zeit das Harem-Genre hervorbildete.

Für den internationalen Durchbruch und das endgültige Rezept des Fighting-Shounen sorgte im Jahr 1984 der zuvor durch die Hitserie »Dr. Slump« bekannte Zeichner Akira Toriyama mit seinem Straßenfeger Dragon Ball. Klassisch-infantiler Humor, coole Charaktere und eine verträumte Abenteuerromantik machten die Parodie auf das chinesische Volksmärchen »Die Reise nach Westen« schnell zu einem Bestseller, der die ganze Welt im Sturm erobern und bis heute einer der Stellvertreter für japanische Unterhaltungskultur werden sollte.

Das Toriyama-Rezept

DRAGON BALL SUPER © 2015 by BIRD STUDIO, Toyotarou/SHUEISHA Inc.

Mit der Geschichte rund um einen jugendlichen Helden, der eine abenteuerliche Reise antritt, um ein gesetztes Ziel zu erreichen und seine Fähigkeiten auf dem Weg dorthin bis zur Perfektion zu schmieden versucht, erschuf Toriyama das 1×1 des modernen Fighting-Shounen: Ob One Piece-Schöpfer Eiichiro Oda oder Naruto-Vater Masashi Kishimoto, fast alles, was in der Shounen-Welt Rang und Namen hat, nennt den Dragon Ball-Künstler als Idol und Vorbild.

Doch neben diesem Wandel fand in den Manuskripten der Zeichner noch eine zweite Veränderung statt: Denn während actionreiche Shounen-Manga sich bis zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich um männliche Protagonisten drehten, während Frauen meist zu Statistenrollen degradiert wurden, war nun immer mehr Frauenpower angesagt: Von Sakura und Hinata über Boa Hancock bis hin zu Lucy und Erza – Frauen wurden in Shounen-Geschichten immer mehr emanzipiert und als starke Kriegerinnen etabliert, dabei stets dem Konzept des »beautiful fighting girl« folgend.

Dank Serien wie D.Gray-man tummeln sich auch nicht wenige weibliche Fans in der Shounen-Fanbase. | © 星野桂/集英社・D.Gray-man製作委員会

Kein Wunder, denn als mit der Zeit die verschiedensten Demografien und Zielgruppen miteinander verschwammen und sich neue, ungewöhnliche Kombinationen herausbildeten, war auch die Zuschauerschaft der Serien immer breiter aufgestellt. Weibliche Mangaka wie D.Gray-man-Schöpferin Katsura Hoshino erlangten, trotzdass ihre Werke in Shounen-Magazinen laufen, eine große weibliche Fanbase und Anime wie One Piece sind Fans auf der ganzen Welt, auch weit außerhalb des Otaku-Kreises, ein Begriff.

Bye-Bye Longrunner

Dabei führt die Entwicklung der Serien interessanterweise langsam vom sich über hunderte Folgen erstreckende und oft direkt mit Fighting-Shounen in Verbindung gebrachte Konzept des »Longrunners« weg. Statt hunderte Folgen in schwankender Produktionsqualität, kommen Adaptionen der neuesten Shounen-Hits inzwischen als mehrere kurze Staffeln mit wertigerer Umsetzung daher – so wie etwa My Hero Academia, The Promised Neverland oder Demon Slayer.

Aktuelle Shounen Jump-Adaptionen bestechen durch eine Menge Kreativität und Bildgewalt – so wie die Umsetzung von Demon Slayer durch das Fate-Studio Ufotable. | ©Koyoharu Gotoge / SHUEISHA, Aniplex, ufotable

Shounen-Werke entwickeln sich also auch heutzutage stetig weiter – doch die grenzenlose Begeisterung der Fans ist nach wie vor ungebrochen.


Was zeichnet Shounen aus?

Naruto gilt als klassischer Vertreter eines Fighting-Shounen. | © TV TOKYO Corporation All rights reserved.

Während Shounen-Manga mit ihrem auf coole Designs ausgelegten und »zackigen« Stil die westliche Wahrnehmung und Anime und Manga stark mitgeprägt haben, gibt es keine typische inhaltliche Eigenart, durch die sich ein Anime oder Manga klar als Shounen definieren lässt – laut anerkannter Definition gilt ein Manga bzw. seine Anime-Adaptionen als Shounen, wenn die Geschichte in einem selbstproklamierten Shounen-Magazin erschienen ist.

Wer unter Fans von Shounen spricht, meint damit in den meisten Fällen typische Fighting-Shounen-Geschichte, in denen ein junger Held, meist in irgendeiner Art und Weise Außenseiter, auf ein großes Abenteuer aufbricht, um ein erklärtes Ziel zu erreichen und im Zuge seiner Reise Freundschaften zu knüpfen und sich mit Gegnern zu kloppen.

Diese oft nach ähnlichen Erzählstrukturen ablaufenden Serien haben einen entscheidenden Kritikpunkt: Das sogenannte »Power-Level-Problem«:

So trifft der Protagonist nämlich in fast jedem Handlungsabschnitt auf einen übermächtig scheinenden Gegner, der den Hauptcharakter an seine absoluten Grenzen bringt, was ihn oftmals zu einem ausschweifenden Training bewegt, um stärker zu werden und die ultimative Macht zu erlangen, mit der der Bösewicht schließlich besiegt werden kann. Ist dies geschehen und der nächste Arc angebrochen, verpufft diese Kraft jedoch einfach vor dem nächsten übermächtigen Feind und die neugewonnenen Fähigkeiten verliert ihren Sinn.

We Never Learn ist eine typische Shounen-Romanze. | ⒸTAISHI TSUTSUI/SHUEISHA, BOKUBEN COMMITTEE

Ein weiterer, wichtiger Teil der Shounen-Demografie sind wie eben schon erwähnt nicht nur spektakuläre Action-Geschichten, sondern auch Harem-Anime: Ein nicht weiter über besondere Eigenschaften verfügender Hauptcharakter wird in einer leichtherzigen Schulromanze von zahlreichen hübschen Mädchen umgarnt und landet nach bester Ecchi-Manier immer mal wieder mit ihnen in anzüglichen Situationen. Vertreter dieser Stilistik wie To Love-Ru, Nisekoi oder zuletzt We Never Learn erfüllen augenscheinlich »Männerträume« und sind somit eine willkommene Abwechslung zu den Actionserien, die Shounen fast schon zu einem Synonym für Anime selbst werden lassen …


Lust auf mehr Einblicke in die Entstehung der verschiedenen Anime-Genres?


Jetzt seid ihr gefragt!

Was ist euer Lieblings-Shounen-Anime? Und welches Merkmal schätzt ihr an Shounen-Geschichten ganz besonders?

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