© Junji Itou

Junji Itou ist als einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Mangaka von Horrorgeschichten bekannt. Mit seinem markanten Erzähl- und Zeichenstil, der neben extrem detaillierten Bildern von Cosmic- und Body Horror auch jede Menge psychologischen Terror und allerhand Kritik an Gegebenheiten der Realität beinhaltet, begeistert er seine Leser mit jeder neuen Kurzgeschichte. Doch was genau fasziniert uns so sehr an seinen furchterregenden und ekelhaften Motiven?


ACHTUNG: Da die Geschichten von Junji Itou oft sehr kurz sind, können hier zum Teil keine Spoiler vermieden werden. Ein paar Kleinigkeiten zum Inhalt verraten werden zu:

  • »Amigara Dansou no Kai« (dt.: »Das Mysterium der Amigara-Kluft«)
  • »Gyo« (dt.: »Fische«)
  • »Jigokusei Remina« (dt. »Höllenstern Remina«)
  • »Kubitsuri Kikyuu« (dt.: »Die erhängenden Ballons«)
  • »Okuman Bocchi« (dt.: »Milliarden allein«)
  • »Tomie«
  • »Uzumaki« (dt.: »Spiralen«)

ACHTUNG 2: In diesem Artikel finden sich aufgrund der Natur von Junji Itous Horror-Manga mehrere teils sehr verstörende Bilder mit dem Thema Body Horror! Wer nicht den Magen für so etwas hat, sollte jetzt vielleicht besser wegklicken!


Das Spektakel von Junji Itous Geschichten basiert auf einem eigentlich ganz simplen Trick: indem er von unseren Erwartungen des Gewöhnlichen abweicht, induziert er durch den plötzlich fehlenden Halt in der Realität eine Angst vor dem Unbekannten. Das klingt jetzt mal sehr abstrakt, was heißt das überhaupt?

Der Meister höchstpersönlich; Foto aus dem Junji Itou Wiki

Unsere Realität basiert auf menschlichen Erwartungshaltungen. Wenn wir nach dem Mittagessen auf die Uhr sehen und es ist 13:00 Uhr, entspricht das ungefähr unseren Erwartungen – schließlich haben wir uns ja gerade den Wanst mit Mamas deftigem Gemüsegulasch vollgeschlagen, das passt so in etwa auf die erwartete Tageszeit. Doch was ist, wenn die Zeiger der Uhr 14:00 Uhr, 15:00 Uhr oder sogar 18:00 Uhr anzeigen? Je später es wird, umso schriller läuten die Alarmglocken in unseren Köpfen: Wir haben doch gerade erst gegessen, wie kann es da schon wieder so spät sein?

Itou geht da aber noch einen Schritt weiter. Auf seiner Uhr ist es nach dem Essen nicht 18:00 Uhr, sondern A̴̧̺̰̱͖̤̳̮͙̗̰̺̪̲̪̽̈́ͦ͛̑ͮ͒ͦ̈̿͂ͥͬͩ̃̎̄̀͘͢A̷̵̪̪̙̹͙̟̲͚̜̩̪͙͎̙̞͖͇͈ͣ͌̈̐͘͝ͅĄ̢̭̰͔͇͎̗̟̺̺͇̩̍͛̾ͤ̽ͮͤͦ͊͢͢A̴͓̪̪̰̔͂̈̉͑̀ͮͫ̅͛̌ͭ̽͗̏̎͛ͤ͗̕͢͡ͅA̶̛ͦ̂̅ͩ͐ͪ̾ͩ̄̓ͬ̑̌҉̟̹͙̦̠̭̯̞̲̝̜̝͓̯̘̺H̸̪̪͕̳̫̜̜̩͕͚̗͇̱͎̼̀͛̃̄́̓̄̽̄̀ͭ̔ͨ̏̍ͧ́͜͟͠ͅ Uhr. Es ist keine Digitaluhr, wie kann so ein Ding solche Zeichen überhaupt darstellen? Wo stehen die Zahlen 1-12 plötzlich? Und warum besteht meine Armbanduhr plötzlich aus menschlicher Haut mit hunderten Augäpfeln darin?! Je weiter weg eine Geschichte von der Erwartung des Lesers geht – und das macht er kontinuierlich mit dem Verlauf der Handlung – umso unheimlicher wird sie. Junji Itou ist ein Meister dieser Erzählkunst.

Er führt uns in seine Art von Horror, indem er mit dem Gewöhnlichen, Vertrauten beginnt und Ereignisse, die langsam immer weiter von der uns bekannten Logik weggehen, bis zum großen Climax eskalieren lässt. In »Kubitsuri Kikyuu« (dt.: »Die erhängenden Ballons«) wird uns am Beginn in einer Art Thriller-Atmosphäre die Hauptfigur vorgestellt, wie sie eingesperrt in ihrem Zimmer dem Leser von ihre Situation erklärt. Die darauffolgende Rückblende handelt zuerst von einem kleinen Beziehungsdrama (vertraut), bis es zu einem mutmaßlichen Selbstmord kommt (etwas weniger vertraut) und von einem merkwürdigen fliegenden Kopf des Opfers berichtet wird (ziemlich merkwürdig), bis es schließlich zu einem Auftauchen hunderter dieser fliegenden Köpfe kommt, die mit einem Galgenstrick die ganze Stadt erhängen wollen (extrem fernab von der Realität).

Fliegende Köpfe mit Galgenstricken in »Kubitsuri Kikyuu«; © Junji Itou

In »Amigara Dansou no Kai« (dt.: »Das Mysterium der Amigara-Kluft«) werden wir erst von zwei Bergsteigern begrüßt, die sich auf dem Weg zu einer neu geformten Kluft befinden, die sich nach einem Erdbeben geöffnet hat. Das Merkwürdige daran ist: in dieser Kluft befinden sich kilometertiefe Löcher in Gestalt von menschlichen Silhouetten. Die schaulustigen Wanderer um diese Kluft werden langsam alle von einem unheimlichen »Zwang« heimgesucht, in eines der Löcher zu steigen – für jeden von ihnen wäre ein Loch schließlich »für sie gemacht« worden. Was dem Leser jedoch erst spät offengelegt wird, ist die Tatsache, dass sich die Form der Löcher kontinuierlich ändert und die Person, die hineinsteigt, Zentimeter für Zentimeter eine immer groteskere Form verleiht, bis sie am Ende zu einem völlig verzerrten Monster werden.

Eine Kluft voller menschlicher Löcher in »Amigara Dansou no Kai«; © Junji Itou

Junji Itous Geschichten leben somit nicht von der eigentlichen Handlung und den Charakteren (und z. B. ihren Beziehungsproblemen oder den Unterhaltungen der Bergsteiger), sondern vom Spektakel, das er so meisterhaft kreiert. Das Spektakel des Ungewöhnlichen und Unheimlichen existiert in seinen Universen parallel zur Handlung, in der die Protagonisten mit dem gruseligen, vom Erwarteten abweichenden Umstand interagieren. Was genau ist damit gemeint?

In »Okuman Bocchi« (dt.: »Milliarden allein«) wird die Menschheit von einem Zwang geplagt, sich mit Schnüren zusammenzunähen – auch das geschieht eskalierend; © Junji Itou

Die meisten (Horror-)Geschichten erzählen ihre Handlung durch ihre Protagonisten. Ein unheimlicher Umstand existiert in einem Universum, und die Hauptcharaktere erfassen und interagieren mit diesem Mysterium, um den Plot einem Ziel näherzubringen. Das ist eine klassische Erzählweise, die stets gut funktioniert und für die meisten Geschichten der Standard schlechthin geworden sind.

Itou folgt diesem Muster jedoch so gut wie nie. Statt sich auf Protagonisten und ihre Interaktionen mit dem unheimlichen Umstand zu konzentrieren, behandelt er seine Geschichten beinahe wie eine Fallstudie – das Spektakel steht im Mittelpunkt und existiert unabhängig von den Gegebenheiten, Zielen und Taten der Charaktere. Es wäre somit auch nicht weit hergeholt, zu sagen, Junji Itou würde seinen Geschichten gar keine Protagonisten verpassen – lediglich generische Archetypen und »Hüllen«, die den Horror, der im eigentlichen Fokus liegt, weiter unterstreichen.

Während die meisten Storys aber eine Art sympathische Verbindung von den Hauptcharakteren zu den Lesern aufbauen müssen, um das Interesse aufrechtzuerhalten, sind Junji Itous Geschichten aufgrund des entsetzlichen Spektakels im Zentrum der Handlung von sich aus bereits faszinierend. Aber wenn das Spektakel für den Leser und Zuseher so unangenehm ist – was das Genre Horror auch schließlich erzielen möchte – warum ist die ganze Welt dann so fasziniert von seinen grausigen Zeichnungen und unschönen Themen?

In »Jigokusei Remina« (dt. »Höllenstern Remina«) droht ein Planet die Erde zu verschlingen – wortwörtlich sogar, denn der Planet besitzt ein Auge und eine Zunge; © Junji Itou

Der amerikanische Philosoph Noël Carroll beschreibt dieses Phänomen mit einer Theorie, die er in einem Buch »the Paradox of Horror« (dt. das »Horrorparadoxon«) nennt. Als Denker steigt er dabei in die Bereiche des Strukturmodells der Psyche ein und theorisiert einen direkten Zusammenhang mit dem Über-Ich, das durch eine Faszination mit Horrothemen »überlistet« wird, aber das ist tatsächlich alles ziemlich trockene Theorie.

Im Grunde möchte Carroll aussagen, dass der Reiz von Horror eigentlich paradox für den Menschen sei. Horror besteht aus einer Kombination von Angst und Ekel – zwei Eigenschaften, die uns im Grunde eher von einer Sache abstoßen, anstatt sie attraktiv zu machen. Diese Merkmale werden durch ein Abweichen des Erwarteten, des Gewöhnlichen ausgelöst, etwas, das Junji Itou, wie oben beschrieben, exzellent beherrscht.

Dieses Abweichen weckt jedoch unsere Neugier an den Geschehnissen des Furchterregenden und Ekelhaften. Horror, der uns abstößt, ist somit aus exakt jenem Grund, weil wir ihn abstoßend finden, ein attraktives, faszinierendes Spektakel. Eine entsetzliche, furchterregende Gegebenheit weckt in uns Menschen von sich aus eine morbide Neugier.

Die titelgebende Hauptfigur von »Tomie« kann ihren Körper auf grauenvollen Weise regenerieren – Fähigkeiten und Bilder wie diese wecken im Leser die Neugier; © Junji Itou

Was passiert also, wenn Itou ein abscheuliches Monster mit langen, dünnen Gliedmaßen oder eine Frau mit einer Spirale als Gesicht zeichnet? Wir sind gebannt, intrigiert und wollen mehr über diese Zeichnung in Erfahrung bringen. Und wir haben Glück, Itou ist nicht nur ein guter Illustrator, er weiß auch, wie man ein fantastisches Horrornarrativ kreiert. Er schreibt es dabei in einer Weise, wie es durch den amerikanischen Horrorautoren H. P. Lovecraft in den Kurzgeschichten zu seinem Cthulhu-Mythos populär gemacht hat und wofür Noël Carroll ebefalls wieder einen Begriff geprägt hat: ein »Disclosure Narrative« (dt.: ein »Enthüllungsnarrativ«).

Das bedeutet, der ganze Plot folgt nur dem, was dem Leser über ein rätselhaftes Subjekt »enthüllt« wurde. Junji Itou bedient sich diesem Erzählelement, indem er in vielen seiner Mangas bereits die Horrorprämisse erklärt und somit die morbide Neugier der Leser weckt. Dieser Horror wird dann als Fallstudie im Lauf der Handlung weiter beleuchtet und es werden gerade immer genug Details aufgedeckt, dass der Leser bei der Stange gehalten wird.

In »Uzumaki« (dt.: »Spiralen«) ist ein Dorf besessen von einem Spiralmuster. Das beginnt zuerst klein mit Kritzeleien der Dorfbewohner und geht später über in die völlige Umgestaltung des Dorfes; © Junji Itou

Das bedeutet wiederum auch, dass die Figuren seiner Geschichten selbst nur eine passive Rolle innehaben und mit dem Horror nur so weit interagieren, dass dieser weiter hervorgehoben wird. Da die oben genannte sympathische Verbindung zum Leser fehlt, werden die Charaktere ein Mittel zum Zweck, die unheimliche Stimmung zu unterstreichen. Was genau ihnen zustößt und ob sie am Ende überleben, ist sowohl für die Handlung als auch für den Leser eher nebensächlich – was man wohl ebenso als positives Element deuten kann, da es das furchterregenden Phänomen in klassischer Cosmic-Horror-Manier nicht kümmert, was mit den Figuren in Itous Geschichten passiert. Die Folge sind häufig aussichtslose Situationen der Hauptcharaktere, die in einem für sie verheerenden Abschluss der Story enden.

Fische mit bio-mechanischen Beinen greifen die Menschen in »Gyo« (dt.: »Fische«) an; die Flucht der Hauptfiguren existiert als schmückendes Beiwerk zum merkwürdigen Spektakel der mordenden Fische; © Junji Itou

Junji Itous Horror ist eine direkte Erfahrung aus erster Hand. Dadurch, dass die sympathische Verbindung mit den Charakteren wegfällt, zeigt er uns das Grauen aus nächster Nähe, ohne eine dritte Person in Form eines Protagonisten dazwischenzuschalten. Itou selbst hat in einem Interview zugegeben, dass er eigentlich gar nicht weiß, wie Horror funktioniert, und einfach Gegebenheiten aus der Realität hernimmt und sie so verbiegt, dass sie durch die neugewonnene Fremdheit Unbehagen auslösen. Diese Fähigkeit, solch eine Beklommenheit durch eine Denkweise zu erreichen, die keinen expliziten Fokus auf das Horror-Genre benötigt, macht Itou als erfolgreichen Autoren einzigartig im Bereich Manga.


»Uzumaki«: Horror-Anime auf 2021 verschoben

Animiert wurden die Werke von Junji Itou bisher zweimal. Während sein Manga »Gyo« im Jahr 2012 vom Studio Ufotable (»Fate/Zero«) als Anime-Film adaptiert wurde, bedient sich die 2017 gestartete Serie »Junji Ito Collection« aus dem Studio DEEN (»KonoSuba«) verschiedener Kurzgeschichten. Beide Anime sind auch in Deutschland erschienen, »Junji Ito Collection« läuft außerdem auch als Stream bei Crunchyroll.

Noch im Laufe des Jahres 2021 soll eine Anime-Adaption von »Uzumaki« erscheinen, verantwortlich ist dabei das Studio Production I.G (»Psycho-Pass«). Der zugrunde liegende Manga wurde hierzulande vom Carlsen-Verlag als Hardcover-Gesamtausgabe veröffentlicht.

Neben »Uzumaki« sind auch viele weitere Titel von Junji Itou auf Englisch erschienen, unter anderem »Tomie«, »Gyo« und mehrere Kurzgeschichtensammlungen.


Quellen: Noël Carroll: The Paradox of Horror, Tale Foundry [1][2]

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ere

Allein schon durchs Lesen dieses Artikels läufts mir sofort wieder eiskalt den Rücken herunter. Der Mann ist echt ein künstlerisches Genie. Mein bisheriger Favourit is bislang immernoch Uzumaki aber ich wurde soeben inspispiert mal wieder weitere seiner Werke zu lesen und wer weiß schon was da noch auf einen zu kommt.

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