Ein gewöhnlicher Oberschüler, der in einen übernatürlichen Zwischenfall gerät und jetzt Magierschüler werden muss, um ein Versprechen zu halten und letztendlich das ultimative Böse zu vernichten … Klingt zugegebenermaßen nicht sonderlich kreativ, was sich Jujutsu Kaisen da als Plot ausgedacht hat. Dass hinter der sehr simplen Prämisse trotzdem deutlich mehr steckt, als es zuerst den Anschein hat, können wir euch verraten!


Seit 2. Oktober 2020 läuft die 24-teilige Serie auf dem Streaming-Anbieter Crunchyroll im Originalton mit deutschen Untertiteln. Zusätzlich wird dem Action-Anime auch ein Express Dub verpasst, der seit 20. November wöchentlich zur Plattform hinzustößt und für Premium-Nutzer verfügbar ist.


©芥見下々/集英社・呪術廻戦製作委員会

In der Flut an neuen, spannenden Storys aus dem fernen Osten ist es schwierig, sich mit einem Alleinstellungsmerkmal hervorzutun und das Publikum richtig von seiner Einzigartigkeit zu überzeugen. Gerade viele Shounen-Manga und -Anime sind relativ engen Grenzen gesetzt; die Zielgruppe verlangt nicht nur regelmäßige coole Kämpfe oder Showdowns, sie muss mit den Hauptfiguren auch mitfiebern können, die langsam auf ihr faszinierendes Ziel hinarbeiten.

Jujutsu Kaisen ist eine von diesen Unmengen an Geschichten, die uns mit einem spannenden Plot, sympathischen Protagonisten und fiesen Gegenspielern für sich begeistern wollen. Der Manga von Gege Akutami ist relativ neu und umfasst seit seiner Premiere im Jahr 2018 bis heute gerade mal 125 Kapitel, die die Anime-Adaption aus dieser Herbst-Season 2020 langsam einholen.

Wie sticht Jujutsu Kaisen nun also aus der Masse heraus? Was macht ihn einzigartig? Mit welchen Tricks arbeiten der Manga und der Anime, um als Perle inmitten des riesigen Shounen-Ozeans zu glänzen? Die Antwort ist so simpel wie auch genial: Rein gar nichts.

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Klar, das klingt auf den ersten Blick mal recht negativ. Wie kann Jujutsu Kaisen so gut sein, wenn sich der Autor gar nichts Besonderes für die Geschichte überlegt hat?

Trotz der relativen Unkreativität, die hinter der Prämisse von Jujutsu Kaisen steckt, macht die Serie so gut wie alles richtig, was man in einer Shounen-Story richtig machen kann, und gibt so manchen Genre-Klischees auch einen kleinen Twist mit. Das Besondere an Jujutsu Kaisen ist also, dass er aus dem starren Genre mit seinen wenigen Tropen alles rausholt, was nur rausgeholt werden kann – eine Kunst, die wohl nicht einmal die »Großen« wie Bleach oder Naruto wirklich gemeistert haben.

Allem voran geht beispielsweise die typische Zusammenstellung der Handlungsabfolge. Die Rede ist von klischeehaften Arcs, die die meisten Shounen-Serien durchlaufen: Turnier-Arc, Trainings-Arc, erster Kampf mit einem neuen, übermächtig erscheindenden Feind, und so weiter und so fort.

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Obwohl diese Storyelemente mittlerweile nicht mehr ganz so präsent sind wie in älteren Shounen-Serien, so gibt es sie nach wie vor, auch in Jujutsu Kaisen. Anstatt diese Arcs jedoch mit Samthandschuhen anzufassen und sie bloß zu zeigen, weil es »die Zielgruppe halt erwarten würde«, baut die Serie ihr ganzes Pacing auf diesen Handlungsabschnitten auf und empfängt sie mit offenen Armen, um ihnen die bestmögliche Umsetzung zu verpassen. Diese Arcs sind der Kern der Serie und jegliches überflüssige Fett wurde weggeschnitten, was für ein flottes Tempo der Handlung sorgt.

Jujutsu Kaisen spielt aber auch mit anderen, altbekannten Elementen. Während in vielen Shounen-Storys der »Mächtigste« oder der »Stärkste« stets hinter einem Mysterium verschleiert und die Suche nach ihm zum Ziel der Protagonisten wird, lernen wir den absoluten Meister schon in der ersten Episode kennen: Satoru Gojo sieht mit seinen weißen Haaren und seiner Augenbinde nicht nur cool aus, er ist auch einfach mal der mächtigste Magier der Welt.

Das macht ihn als Yuujis Mentor und Lehrer des Erstklässler-Dreiergespanns nicht nur zu einem starken Verbündeten, er scheint mit seinen eigenen, fast schon revolutionären Geheimplänen auch mehr zu sein als der harte, aber faire Lehrmeister, den wir aus anderen Geschichten kennen – zumal er mit seiner gelassenen Art auch für eine gehörige Portion Humor sorgt, die in der Serie ebenfalls glänzt.

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Jujutsu Kaisen ist nämlich nicht nur eine düstere Geschichte um den Kampf gegen Flüche und alles Übernatürliche, die Serie macht vor allem auch einfach Spaß. Humor ist in vielen Shounen-Storys vertreten – ein funktionierendes Wechselspiel zwischen ernsthafter Action und lustiger Gaudi kriegen allerdings nicht alle problemlos hin. Ein Glück, dass Jujutsu Kaisen diese Kunst gut beherrscht.

Um die finsteren Themen und trotzdem gelegentliche leichtherzige Einlagen zu balancieren, ohne dass sie sich gegenseitig im Weg zu stehen und unpassend wirken, stützt sich die Serie dabei auf seine Charaktere, denen die Sympathie aus allen Poren fließt. Yuuji ist nicht grad der Hellste, weiß aber auch, dass er das Publikum nicht mit ewig langen Reden über die »Macht der Freundschaft« vergraulen sollte, und zeigt zusätzlich seine charakterliche Vielschichtigkeit, wenn er einsehen muss, mit welcher Übermacht er es manchmal zu tun hat.

Megumi ist der »coole Typ« der Gruppe und versucht stets, eine ernsthafte Fassade vorzuspielen, hat das Herz aber am rechten Fleck und will die richtigen Entscheidungen treffen, ohne mürrisch oder gar grausam zu wirken. Auch Nobara zeigt, dass sie kein eindimensionaler Charakter ist, da sie trotz ihrer wechselnden Launen ein klares Ziel verfolgt und ihre Freunde nicht im Stich lässt, so sehr sie auch manchmal genervt von ihnen ist – und vor allem steckt sie nicht inmitten eines unnötigen Liebesdreiecks!

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Rein thematisch bildet Jujutsu Kaisen aber schon einen Gegenpol zu Serien wie Naruto oder Bleach. Wir sind uns nicht sicher, ob wir sie als »erwachsen« bezeichnen können, aber die Bildsprache alleine suggeriert schon eine ziemliche Menge an brutalen Szenen mit jeder Menge Body Horror, Blut und schonungslosen Metzeleien durch und an den als »Flüchen« bekannten Monstern.

Somit sind also nicht nur grausig aussehende Ungeheuer und andere Horror-Elemente omnipräsent, auch gekämpft wird in bisher fast jeder Episode. Yuuji war schon vor seiner Verwandlung ein meisterhafter Sportler – etwas, das mit Humor öfter ad absurdum geführt wird – und kann sich den fiesen Flüchen mit reiner Körperkraft und Wendigkeit stellen, was zu teils atemberaubenden Kampfchoreographien mit fantastischer Animation führt – die Produktionswerte in den Kampfszenen sind so hochwertig, wie man sie sich nur wünschen kann.

Diese Konzentration auf Horror und Kämpfe macht nun aber auch das Thema Tod und Verlust allgegenwärtig. Nicht alles ist rosig in der graumen Welt von Jujutsu Kaisen: Yuuji kann nicht alle retten, das wird ihm sehr früh bewusst, und dennoch entscheidet er sich für eine harte Ausbildung aus Magier. Niemand besitzt Plot Armor, weder Zivilisten noch Hauptfiguren, und wenn ein Charakter gehen muss, dann wurde auch – in den allermeisten Fällen – der Schlussstrich für sie gezogen.

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Das weiß der Protagonist trotz seiner Umstände am allermeisten. Spätestens, sobald Yuuji seine Mission abgeschlossen hat, wird er sterben – das macht das ultimative Ziel der Story eigentlich nicht sehr begehrenswert und sogar tragisch für das Publikum, das sich nun gespannt fragt, ob der Rat der Ältesten diese Bedingung auch einhalten wird. Besonders mit Gojo an seiner Seite könnte sich dieses Blatt vielleicht noch wenden …

Grund für seine bevorstehende Tötung ist der legendäre Dämon Sukuna, mit dem er sich seit Episode 1 einen Körper teilt, und dieser ist genau die richtige Mischung aus Vielschichtigkeit, Intelligenz und völligem bösen Wahnsinn. Seine nächsten Schachzüge vorauszusehen ist fast ausgeschlossen, und vernünftig mit ihm zu reden ist ein Ding der Unmöglichkeit – er nutzt jede Gelegenheit, um seine finsteren Pläne in die Tat umzusetzen.

Das hebt ihn besonders von anderen bekannten Shounen-Antagonisten ab. Sukuna besitzt keinen Funken Menschlichkeit und lässt sich nicht auf Kompromisse ein, die ihm nicht hinterrücks einen klaren Vorteil verschaffen, und trotzdem ist er kein eindimensionaler Bösewicht, der »böse ist, um böse zu sein«. Seine Beweggründe mögen momentan noch unklar sein, aber seine Gerissenheit und seine Absicht, sein Ziel zu erreichen, zeugen davon, dass er mit mehr als einem einzigen Charakterzug ans Werk geht.

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So, wie sich Sukunas Persönlichkeit nach außen zeigt, so werden alle Gegenspieler von Jujutsu Kaisen behandelt. Keine Rede von »Freundschaft« oder »Vergebung« – die Flüche sind ausnahmslos böse Kreaturen, die aus den negativen Emotionen der Menschheit geboren werden, und auch den menschlichen Antagonisten gegenüber wird keine Gnade gezeigt.

Das macht die Interaktionen der beiden Seiten vor allem sehr unberechenbar. Während man in anderen Shounen-Serien teils schon voraussagen kann, dass ein Feind nach seiner endgültigen Niederlage in den Freundschaftskreis aufgenommen wird, da er den Irrtum in seiner Gesinnung und seinen Plänen endlich erkannt hat, gibt es in Jujutsu Kaisen keine Empathie für die Bösewichte, was ihr Zusammenspiel mit den Protagonisten umso fesselnder macht.

Dazu haben diese auch den Vorteil, das ein Großteil von ihnen bisher eine ernstzunehmende Bedrohung darstellte. Wer weiß, was passiert, wenn bzw. ob ein möglicher Power Creep einsetzt und sowohl die Guten als auch die Bösen immer stärker werden, sodass die bisherigen Gegner im Vergleich plötzlich schwächlich erscheinen, aber im bislang steckte unser Dreierteam bei einem Kampf immer in Lebensgefahr – in Punkto Stärke und Intelligenz sind diese Monster nicht zu unterschätzen!

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Hat Jujutsu Kaisen also einen Platz im Shounen-Himmel verdient? Wir entscheiden uns für »Ja«, denn all die Klischees existieren in dieser Serie nicht, weil sie in anderen Shounen-Manga und -Anime auch schon funktioniert und für Popularität gesorgt haben. Jujutsu Kaisen will mehr aus den Story-Elementen machen, setzt sie meisterhaft um und biegt sie sich so zurecht, dass sie für frischen Wind in den altbackenen Tropen sorgen. Jujutsu Kaisen ist cool, witzig, spannend, und überzeugt uns auf ganzer Linie – ein Kunststück, das nicht alle Shounen-Serien so leicht schaffen!


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Legdrasil

Also im großen und ganzennz kann ich dem zustimmen. Jujutsu Kaisen macht ni hfs anders als amdere Shōnen Serien… Bis auf das Pacing. Die Genreriesen sind vollgestopft mit unnötigen Fillern und Rückblenden (aktuell zum Beispiel Black Clover und von den Giganten wie One Piece will ich gar net anfangen), die hier einfach ganz klar fehlen. Dadurch bleibt die Story greifbar und spannend!

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