Inunaki Tunnel Japan
Lesedauer des Beitrags: ca. 15 Minuten

Der angeblich verfluchte Tunnel »Inunaki Touge« ist einer von Japans drei berüchtigtsten Spukorten. In meinem Japan-Bericht erzähle ich euch von meiner Reise zum Tunnel – und wie ich dabei ganz zufällig auch noch über ein Geisterdorf in den Bergen Fukuokas stolperte!

Die Geschichte, die dieser Artikel erzählt, spielte sich im November 2016 ab. Wenige Monate zuvor war ich nach Japan gereist, um dort ein halbes Jahr lang zu leben und, wie jeder übermotivierte Weeb es sich in seinen feuchten Träumen ausmalt, Japanisch zu lernen und das Land der aufgehenden Sonne hautnah zu erleben.

Doch nicht Tempel, Schreine oder Geschichten von altehrwürdigen Samurai und anmutigen Geisha sollten mich letztendlich in ihren Bann ziehen. Als zwei japanische Oberschüler mir damals von der Legende eines angeblich verfluchten Tunnels tief in den Bergen von Fukuoka erzählten, hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass damit mein größtes Abenteuer und eine meiner liebsten Erinnerungen aus dieser Zeit ihren Anfang nehmen sollten.

Disclaimer: Die in diesem Artikel beschriebene Geschichte ist nicht als Aufruf zu einer Nachahmung, sondern lediglich als Reisebericht zu verstehen. Der Inunaki-Tunnel ist baufällig und darf deshalb nicht betreten werden.


Inunaki Touge – die Geschichte des verfluchten Tunnels

Mord durch Folter, rachedurstige Seelen unterdrückter Gastarbeiter und ein kannibalistisches Dorf beschreiben nur einige der Legenden, die sich um den Inunaki-Tunnel ranken. | © KELLEPICS auf pixabay.com

Natürlich glaubte ich den Geschichten der japanischen Oberschüler kein Wort. Im Grunde hatte ich mir von unserem kleinen Tagesausflug in der Berglandschaft von Fukuoka nicht mehr und nicht weniger erhofft als eine schöne Wanderung mit einem mittelmäßigen Lost Place als Bonus.

In den Jahren zuvor hatte mich meine Faszination für Ruinen und verlassene Orte bereits an zahlreiche vermeintliche Spukorte verschlagen. Ob »verfluchte Psychiatrie«, »Spukschloss« oder »Krankenhaus der Toten«, um jeden dieser Orte rankten sich zahlreiche Schauergeschichten und Ammenmärchen, doch – wer hätte es erwartet – keine dieser Stätten wurde je auch nur annähernd ihrem Ruf gerecht.

Die Legende von Inunaki Touge

1988 sollen Jugendliche den 20-jährigen Fabrikarbeiter Umeyama Kouchi grausam ermordet haben. | © Free-Photos auf pixabay.com

Falls euch die Legenden des Tunnels nicht interessieren und ihr nur den Reisebericht lesen möchtet, könnt ihr diesen Abschnitt ohne Weiteres überspringen.

Der offiziellen Geschichte zufolge wurde der Tunnel, der später unter den Namen Inunaki Touge bekannt wurde, 1994 geschlossen und diente davor als Verbindungsstelle zwischen Fukuoka und Kitakyushu. Warum der Tunnel jedoch versiegelt und das gesamte umliegende Areal zum Sperrgebiet erklärt wurde, ist nicht bekannt.

Um das Mysterium ranken sich zahlreiche urbane Legenden. Die bekannteste davon berichtet von dem grausigen Mord an einem japanischen Fabrikarbeiter namens Umeyama Kouchi, der durch qualvolle Folter aus dem Leben gerissen worden sei. Am 7. Dezember 1988 habe man seine verkohlte Leiche vor dem Eingang des geheimnisumwitterten Tunnels gefunden.

Die Polizei Takawa nahm daraufhin eine Gruppe Jugendlicher fest, die unter Verdacht standen, Umeyama mit einem Benzinkanister übergossen und anschließend in Brand gesteckt zu haben. Die Geschichte besagt, dass die jungen Oberschüler Umeyama an einer Ampel aufgelauert und ihn anschließend in seinem eigenen Wagen in die abgelegene Bergwildnis Fukuokas verschleppt hätten.

Ob tatsächlich eine Entführung oder gar ein Mord stattgefunden hat oder ob es sich lediglich um ein Schauermärchen handelt, ist nicht bekannt. | © Meelimello auf pixabay.com

In seiner Verzweiflung habe Umeyama die Flucht ergriffen, wurde jedoch kurze Zeit später wieder von seinen Entführern gefangen genommen und mit einem Schraubenschlüssel gefoltert. Im Kofferraum seines eigenen Gefährts soll er anschließend zum Tunnel befördert und dort auf grausamste Art und Weise hingerichtet worden sein.

Welche Teile der Geschichte ausgeschmückt wurden oder ob überhaupt jemals ein Mord an Umeyama Kouchi stattgefunden hat, ist nicht bekannt. Die Geschichte des gequälten Mannes, der seit dem Tag seines Todes den Inuaki Touge heimsuchen soll, ist jedoch nur eine der vielen urbanen Legenden, die sich über den Tunnel erzählt werden.

Die rastlosen Seelen misshandelter koreanischer Gastarbeiter sollen im Inunaki-Tunnel ihr Unwesen treiben. | © hangela auf pixabay.com

Anderen Berichten zufolge sollen dort koreanische Gastarbeiter, die unter menschenverachtenden Bedingungen ihr Werk verrichten mussten, bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen sein. Seitdem, so heißt es, sind ihre rastlosen Seelen im Tunnel gefangen und dürsten nach Rache an ihren japanischen Unterdrückern.

Körperlose Kinderstimmen, geisterhafte Handabdrücke auf den Windschutzscheiben passierender Autos und ein Fluch, der unbescholtene Autofahrer in einer Zeitschleife einkerkern würde, sind nur einige weitere Beispiele für die übernatürlichen Phänomene, die sich an jenem mysteriösen Ort ereignet haben sollen.

Doch nicht nur der Tunnel selbst, sondern auch das Dorf Inunaki soll angeblich der Schauplatz einer makaberen Tragödie gewesen sein: Nachdem eine tödliche Seuche über die Gemeinde hinwegfegte und die Ernte sonach vernichtet werden musste, seien die Bewohner Inunakis einem fieberhaften Wahn verfallen und ernährten sich von dem Fleisch ihrer Mitmenschen. Das Dorf, so erzählt man sich, liegt heute versunken auf dem Grund eines Stausees.


Die Suche nach dem verfluchten Tunnel

Wo liegt der berüchtigte Inunaki-Tunnel? | © Bergadder auf pixabay.com

Ob nun auch nur ein Funken Wahrheit in all diesen Legenden steckt oder nicht: Mein Interesse war geweckt. Doch wo der besagte Tunnel nun verborgen war, wusste ich immer noch nicht. Zwar hatte ich versucht, meinen japanischen Freund Tomo nach dem Tunnel zu befragen, scheiterte dabei jedoch grandios an der Sprachbarriere.

Nachdem ich locker 20 Minuten versucht hatte, ihm auf Englisch zu erklären, was ein Tunnel überhaupt ist, und er dabei immer irgendetwas völlig anderes verstand, wechselte ich einfach das Thema, setzte ein gezwungenes Lächeln auf und tat so, als hätte ich genau das gemeint, was er in meine Worte hineininterpretiert hatte. So gehört sich das in Japan.

Doch wie es der Zufall so wollte, traf ich eines Tages die beiden japanischen Oberschüler Saito und Kageyasu, die ebenfalls von dem Tunnel wussten. Diesmal hatte ich Glück und die zwei weihten mich endlich in das Geheimnis ein, wo der Tunnel zu finden war.

An der Reaktion der beiden Jungs, als ich ihnen von meinem Plan erzählte, den Tunnel zu besuchen, erkennt man gut die Einstellung vieler Japaner zum Aberglauben. Saito und Kageyasu waren schwer beeindruckt und versicherten mir, dass sie sich das nie getraut hätten, weil es ja dort spuke würde. Vielleicht wollten sie aber auch nur die Gelegenheit nutzen, einem einfältigen Gaijin auf die Schulter zu klopfen und ein paarmal »Sugoi« zu sagen.


Harte Jungs schwänzen die Schule, um auf Geisterjagd zu gehen

Wir beginnen unsere Reise am Fuße des Berges bei strahlendem Sonnenschein.

Gemeinsam mit meinem besten Freund von der Sprachschule – einem Mexikaner namens Josue, den alle aufgrund der unaussprechlichen Betonung seines Namens immer nur Mexiko-kun nannten – fasste ich den Plan, der Legende um den Inunaki-Tunnel auf den Grund zu gehen.

Am 13. November 2016 sollte unser Abenteuer endlich beginnen. Da dieser Tag jedoch mitten in der Woche lag und wir ganz besonders rebellische, harte Jungs waren, schwänzten wir die Schule und nahmen uns ein Taxi in den äußersten Vorort von Fukuoka.

Ein viel zu teures Taxi übrigens – aber das machte Mexiko-kun überhaupt nichts aus, der einfach mit der Kreditkarte seines steinreichen Papis bezahlte. Wie dieser überhaupt sein Geld verdient, habe ich bis heute nicht ganz verstanden. Womöglich will ich es auch gar nicht wissen.

Immer wieder werfen uns vorbeifahrende Autofahrer missbilligende Blicke zu.

Vom Fuße des Berges aus stand uns nun ein nicht ganz ungefährlicher Aufstieg bevor – den ganzen Weg bergauf auf einem dünnen Seitenstreifen dicht neben der befahrenen Gebirgsstraße.

Vielleicht hätten wir dem Taxifahrer doch sagen sollen, dass er uns einfach bis zum Tunnel kutschieren soll. Aber dafür fanden wir auf dem Weg zumindest ein paar japanische Pornoheftchen, die irgendjemand einfach am Straßenrand entsorgt hatte. Die Heftchen haben wir natürlich nicht mitgenommen. V… Versprochen.


Endlich am Ziel: so nah und doch so fern

Der Weg zum Tunnel führt durch eine idyllische Berg- und Waldlandschaft.

Als wir der Straße etwa anderthalb Stunden lang gefolgt waren, wurden wir dort oben dann von einem Schild begrüßt, das in zornig roten Lettern verkündete, dass ab diesem Punkt der Weg gesperrt war. Trotz unserer gefestigten Identität als harte, rebellische Jungs sind wir dann natürlich gewissenhaft sofort umgekehrt und haben unseren Plan an den Nagel gehängt.

Vielleicht sind wir aber auch einfach durch das dornenbewachsene Unterholz des Berghangs geklettert und haben dann einen großen Bogen um die vollkommen offensichtliche Überwachungskamera gemacht. Vielleicht aber auch nicht – ihr könnt überhaupt nichts beweisen. Die nachfolgenden Bilder wurden selbstverständlich alle mit einer Drohne aufgenommen.

Das Gröbste war nun geschafft. Nun lag eigentlich nur noch ein kurzer Fußmarsch Drohnenflug bis zum Tunnel vor uns. Eigentlich. Wenige Minuten später standen wir dann allerdings vor einer Weggabelung. So war das nicht geplant – und was macht man natürlich, wenn man eine 50:50-Chance auf das richtige Ergebnis hat? Richtig, die falsche Abzweigung nehmen und zwei Stunden lang durch den Wald irren.

Auf dem Weg zu unserem Ziel finden wir immer wieder kleine Staudämme, die sich wunderbar in die beeindruckende Naturkulisse einfügen.

Aber ich will mich gar nicht beschweren, denn die spannenden Entdeckungen, die nun vor uns lagen, hätten wir ohne diese planlose Entscheidung womöglich niemals gemacht. Zudem war es hier oben ja auch ganz schön. Eines der Dinge, die ich an Japan so sehr liebe, ist die vielfältige und üppige Natur des kleinen Inselstaats.

Nur wenige Minuten entfernt von der Millionenstadt Fukuoka erwartete uns hier eine malerische Gebirgslandschaft aus Wäldern, Flüssen, Seen und Natur, so weit das Auge reicht. Und Spinnen. Fette, zornig rot und gelb gestreifte, giftige Spinnen. Überall.

Passend zur Legende des Tunnels gehört die oben abgebildete Spinne übrigens einer Art an, die im japanischen Volksmund Joro-gumo genannt wird – eine sagenumwobene Spinnenart, die sich der japanischen Mythologie zufolge in eine wunderschöne Frau verwandelt und nichts ahnende Männer auf ein tödliches Rendezvous in ihr Netz lockt.


Das Geisterdorf in den Bergen

Nachdem Mexiko-kun und ich etwa zwei Stunden lang auf einem verwucherten Trampelpfad durch den Wald gestreift waren, tat sich langsam eine gewaltige Lichtung vor uns auf. In der Ferne war nun ein Haus zu sehen, das hier einsam und verlassen am Rande des dichten Laubwaldes stand.

Das war natürlich erst mal ein alarmierender Anblick. Immerhin befanden wir uns mitten im Sperrgebiet und konnten uns wahrhaftig Schöneres vorstellen, als von einer Spezialeinheit der JSDF mit dem Gesicht voran in den matschigen Waldboden geschmettert und anschließend durch eine standesamtliche Erschießung hingerichtet zu werden.

Doch wir waren schon zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren, und unser jugendlicher Leichtsinn trieb uns weiter voran. Vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzend und darauf bedacht, bloß keinen Lärm zu machen, pirschten wir uns langsam an das Haus heran.

Nach wenigen Minuten konnten wir endlich aufatmen: Das Haus war offensichtlich verlassen, der Garten überwuchert mit Unkraut und Gestrüpp. Ein rostiger Bagger und ein malträtierter weißer Van mit Einschlagslöchern in der Windschutzscheibe waren hier als herrenlose Relikte einer wohl längst vergessenen Vergangenheit zurückgelassen worden.

Noch mal Glück gehabt: Das Haus ist offenbar nicht bewohnt und die Sturmgewehrschüsse in meinem Kopf werden langsam leiser.

Ein Dorf ohne Bewohner – oder doch nicht?

Doch war diese Vergangenheit tatsächlich in Vergessenheit geraten? Obwohl alles darauf hindeutete, dass dieser sonderbare Ort von seinen ehemaligen Bewohnern dem Schicksal überlassen wurde, beschlich uns doch das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

Das hölzerne kleine Häuschen war offensichtlich dem Verfall überlassen. Die Narben, die Wind und Wetter auf seinen Brettern hinterlassen hatten, deutlich zu erkennen, und das Dach dreckig und vergilbt. Den Garten hatte sich die Natur zurückerobert und überall herrschte absolute Totenstille.

Alles verbarrikadiert und abgeschlossen – und dennoch gibt es Lebenszeichen.

Und doch, beim nächsten Haus des kleinen Dörfchens angelangt, waren Spuren von Leben zu erkennen. Neben dem prachtvollen, traditionellen Holzbau der zweiten Bewohner fanden wir einen leeren Milchkarton, der erst vor einem halben Jahr abgelaufen war. Wenige Meter weiter war im Garten des Hauses ein Feld angelegt, das offensichtlich noch gepflegt wurde.

Dennoch war keine Menschenseele zu sehen. Keine Stimmen, keine Musik und nicht einmal der Hauch eines winzigen, kleinen Geräuschs zu hören. Das Haus selbst war heruntergekommen und verwahrlost, die Trampelpfade um die Gebäude des Dorfes – mit Dickicht und Efeu bewachsen – schienen, seit langer Zeit nicht mehr genutzt worden zu sein.

Der kleine Autofriedhof des geheimnisvollen Dörfchens

Nachdem wir dem Hauptweg weiter gefolgt waren und uns durch Dornen und brennnessel-ähnliche Vegetation gekämpft hatten, machten wir einen weiteren kuriosen Fund: Vier herrenlose Autos, zwei davon deutlich in Mitleidenschaft gezogen, parkten auf einem verdorrten Fleckchen Wiese. Von ihren Nummernschildern oder gar ihren Besitzern keine Spur.

Grabstätten mitten in der Wildnis

Wo sind wir hier nur gelandet: ein illegaler Friedhof mitten in der Wildnis?

Mit wachsender Verwunderung setzten wir unsere Erkundung fort. Ein abgelegener Fußweg führt uns durch einen kurzen Waldabschnitt einen grasbewachsenen Hügel hinauf. Was wir dort jedoch fanden, jagte uns einen Schauer über den Rücken und langsam bekamen wir Zweifel, ob wir nicht doch lieber umkehren sollten.

Hinter einem brüchigen Zaun aus Bambuspflöcken ragten kleine Erdhügel aus dem Boden heraus – gerade breit und lang genug, um die Leiche eines erwachsenen Menschen zu begraben. Die dünnen Pfähle, die mit japanischen Schildern versehen und auf den Erhebungen in den Boden gerammt worden waren, erkannten wir sofort als improvisierte Grabsteine.

Durch einen kurzen Online-Abstecher zum Google Translator fanden wir später jedoch heraus, dass die Menschen, die hier beerdigt wurden, offenbar ziemlich sonderbare Namen hatten. »Zwiebel«, »Kartoffel« und »Kopfsalat« zum Beispiel. Das verfluchte Kannibalendorf hatten wir also zum Glück doch nicht entdeckt.

Die Flucht aus dem Dorf

Die Sternstunde unserer Männlichkeit: verjagt von einem Beagle. | © Peggychoucair auf pixabay.com

Obwohl wir bei unserem Besuch im Dorf noch überzeugt davon waren, illegale Grabstätten gefunden zu haben, waren wir letztendlich doch nicht schlau genug, um schleunigst das Weite zu suchen, sondern drangen noch tiefer in das unheimliche Dorf vor.

Im Garten des fünften Hauses fanden wir dann endlich das erste richtige Lebenszeichen. Zwar sahen wir dort keine Menschen, aber dafür einen Hund: Ein kleiner, zuckersüßer alter Beagle stolzierte selbstbewusst durch den Garten und bekam, als er uns bemerkte, plötzlich einen halben Schlaganfall. In einem leidenschaftlichen Jaulkonzert kläffte er uns an, machte aber keine Anstalten, sich uns zu nähern.

Im ersten Moment erschrocken, waren wir schon fast zum Rückzug bereit, bis uns plötzlich einfiel, dass wir ja eigentlich locker zehnmal so groß waren wie ein altersschwacher Beagle.

Doch unser überhebliches Grinsen wurde uns jäh aus den Gesichtern gewischt, als plötzlich drei bis fünf weitere Hunde, die wir nicht sehen konnten, in sein Konzert einstimmten, und wir uns wie zwei kleine Mädchen schleunigst aus dem Staub machten. Unheimliches Sperrgebiet, illegale Grabstätten und Geschichten von Kannibalen okay, aber bei einem Beagle hört der Spaß auf.


Die Pforte zum verfluchten Tunnel

Die Straße zum Inunaki-Tunnel ist seit langer Zeit stillgelegt – bis auf ein paar Schlangen und Insekten verirrt sich beinahe niemand mehr hierher.

Nachdem wir den ersten Schrecken verdaut hatten und nach zwei weiteren Stunden Fußmarsch wieder an der ursprünglichen Weggabelung angelangt waren, brach bereits langsam die Dämmerung herein. Nun war es höchste Zeit, uns endlich wieder auf die Suche nach dem verfluchten Tunnel zu begeben.

Der Inunaki-Tunnel ist ein beliebter Ort für die Mutproben jugendlicher Japaner. Mexiko-kun ist allerdings trotzdem kein Japaner.

Nachdem wir der verwahrlosten Straße hinter der zweiten Weggabelung einige Minuten lang gefolgt waren, standen wir nun endlich vor unserem Ziel.

Als ich dann allerdings über die Steinblöcke klettern und in den Tunnel einsteigen wollte, war Mexiko-kun erst mal baff. Offenbar hatte er erwartet, dass wir hier sechs Stunden lang durch die Pampa laufen, um uns eine stinknormale Steinmauer anzugucken, ein paar Fotos zu knipsen und dann wieder abzuhauen. Falsch gedacht, Freundchen. Wenn wir schon mal hier sind, dann schauen wir uns den Tunnel natürlich auch von innen an.

Rückblickend betrachtet, bin ich wirklich verdammt froh, dass ich Mexiko-kun davon überzeugen konnte, mit mir in den Tunnel zu steigen. Denn wäre er nicht mitgekommen und hätte mich alleine gehen lassen, wüsste ich nicht, ob ich unser folgendes Erlebnis nicht einfach nur auf meine blühende Fantasie geschoben hätten.

Im Inunaki Touge: dem Fluch auf der Spur

Jedes Licht, das in den Tunnel dringt, wird sofort von Dunkelheit verschlungen.

Im Inneren des Inunaki Touge angelangt, wurden wir von pechschwarzer Finsternis begrüßt. Vor uns erstreckte sich eine lange, grobschlächtige Höhle, in der man nicht einmal die eigene Hand vor Augen sehen konnte – geschweige denn, wer oder was womöglich am Ende des Ganges auf uns warten könnte.

Eine beklemmende Schwere lag in der Luft. Genau wie im Dorf, aus dem wir gerade gekommen waren, herrschte beinahe Totenstille. Nur die kalten Wassertropfen, die von der moosbewachsenen Steindecke in dreckige Pfützen auf dem Boden plätscherten, hallten mit einem gespenstischen Echo dumpf durch den finsteren Tunnel.

Bis auf das schwache Leuchten, das durch die Ritzen des versiegelten Ausgangs dringt, ist kaum etwas zu sehen.

Von dem stetigen Widerhallen der Tropfen begleitet, schritten wir langsam durch die Dunkelheit, bis wir in der Mitte der Höhle angelangt waren. Mit unseren kleinen Mini-Stativen stellten wir unsere Kameras auf den nasskalten Boden, um uns mit einer 30-sekündigen Langzeitbelichtung ein besseres Bild vom Inneren des Tunnels zu verschaffen.

Nachdem der Timer langsam runter tickte und etwa bei 20 Sekunden angekommen war, drehte Mexiko-kun plötzlich seinen Kopf zu mir. Gelangweilt grinste er mich an und sagte nur: »Very funny«. Zuerst verstand ich nicht, was er meinte, doch dann hörte ich es auch: Stimmen.

Vom Ende des Tunnels, tief aus der undurchdringlichen Dunkelheit, drangen Stimmen zu uns vor. Zuerst leise, dann etwas lauter und dann, plötzlich, schoss uns ein Schwall wild durcheinanderrufender Stimmen entgegen und rauschte wie ein heranrasender Schnellzug durch den Tunnel. Genaue Worte waren nicht zu erkennen, doch es war offensichtlich, dass ihr Ursprung menschlich war.

Mit einem Herzschlag wie eine afrikanische Buschtrommel wirbelten wir herum, schnappten uns noch schnell unsere Kameras und rannten wie von der Tarantel gestochen zurück zum Eingang. So schnell, wie ich noch nie zuvor geklettert war, stieg – sprang ich beinahe – mit drei kurzen Sätzen die Steinmauer hinauf. Mexiko-kun rutschte ab. Ich reichte ihm meine Hand und zog ihn mit einer einzigen, flüssigen Bewegung zu mir nach oben.

Und nein, ich will mich hier nicht als Hauptcharakter eines Shounen-Animes darstellen. Normalerweise ziehe ich nicht mit einem Arm ausgewachsene Männer durch die Gegend – aber dem Adrenalin war das egal. Am nächsten Tag bekam ich dann die Quittung dafür und hatte höllische Schmerzen im rechten Arm.

Raus aus dem Tunnel – der Fluch darf hierbleiben

Die Langzeitbelichtung unserer Kameras bringt Lichts in Dunkle.

Nachdem wir das zweite Mal an einem Tag wie verschreckte Rehe schreiend davon gerannt waren, verliehen wir uns gegenseitig die Tapferkeitsmedaille für außerordentliches Draufgängertum.

Als wir danach erst mal Abstand von dem Tunnel gewonnen hatten, wollten wir nun sehen, was es mit dem Spuk auf sich hatte, und schauten uns das Langzeitbelichtungsbild meiner Kamera an. Nichts. Da war rein gar nichts. Kein Mensch, kein Tier und auch nicht sonst irgendetwas.

Doch was zum Teufel hatten wir dann gehört? Ich will nicht ausschließen, dass es auf dieser Welt vielleicht Dinge gibt, die wir noch nicht verstehen, doch an Geister und Flüche kann ich nach diesem Erlebnis noch lange nicht glauben.

Eventuell waren auf der anderen Seite des Tunnels Menschen, deren Stimmen durch das Echo in der Höhle verstärkt wurden. Andererseits galt das Areal immer noch als Sperrgebiet und was wir da gehört haben, werden wir letztendlich wohl nie erfahren.


Nach Geistern und Flüchen – erst mal ein Bento

Ein einsamer Minenschacht ragt über die Bäume des Gebirgswaldes empor.

Genug Geister und Flüchen für heute. Um uns vor unserem kleinen Abenteuer zu erholen, wollten wir nun erst einmal unsere mitgebrachten Bentos genießen und suchten uns dafür eine weitere, weitaus weniger unheimliche Ruine auf dem Rückweg. Jetzt weiß ich auch, wieso in Japan immer alles so sauber aussieht: Alles, was dreckig und verfallen ist, wird offenbar einfach in die Berge von Fukuoka geschoben.

Nach einer kurzen Kletterpartie den Berghang hinauf stiegen wir auf das flache Steindach eines ehemaligen Minenschachts, das als Plateau über der umliegenden Umgebung thronte, und wurden dort mit einer genialen Aussicht über die Gebirgslandschaft belohnt.

Die Duftkerzen und das Massageöl haben wir leider zu Hause vergessen.

Nachdem wir dort unter einem Stein noch einen kleinen Krebs fanden und endlich unsere Bentos – Reis mit Karaage (und Krebs) – vernichten konnten, neigte sich ein anstrengender, aber unglaublich schöner Tag seinem Ende zu.

Und nein, das obere Foto ist nicht schwul. Romantische Picknicks bei malerischer Aussicht auf wunderschöne Gebirgsketten sind absolutes Pflichtprogramm für jede anständige Bromance. Außerdem wurde der Mindestabstand von 40 cm konsequent eingehalten. Wir sind nur Freunde, okay?


Fortsetzung folgt!

Um der Sache noch einmal auf den Grund zu gehen und zu schauen, ob sich das Erlebnis wiederholen würde, kehrte ich drei Jahre später mit meiner (Alibi-)Frau und meinem besten Freund aus Deutschland zurück zum Inunaki Touge.

Dabei fanden wir auch heraus, dass es noch einen anderen Zugang zum Dorf gab, der nicht abgesperrt ist. Was wir im Oktober 2019 dort erlebt haben, verrate ich euch in einem anderen Artikel!


Jetzt seid ihr gefragt!

Was sind eure Vermutungen dazu, was wir da im Tunnel gehört haben? Und habt ihr Theorien, was es mit dem mysteriösen Geisterdorf auf sich haben könnte? Schreibt es uns in die Kommentare!

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Blauensteiner M.

Ach sehr schöne Story, bitte mehr davon, musste sogar merhmarls griensen XD

obiner

Ich will ebenfalls mehr lesen. Der Artikel ist sehr nice geschrieben, man merkt gar nicht wie die Zeit vergeht wenn man diesen Reisebericht liest.

Den ganzen Artikel über ist Spannung aufgebaut, mit der Art und weise wie Kyu schreibt wirken solche Geschichten wie ein gut geschriebenes Buch.

Ich freu mich bereits auf den nächsten Artikel, gerne auch mehr von Solchen Mythen und Legenden von Gruseligen dingen die in Japanoland so passiert sind.

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